Während sich viele SUVs optisch immer stärker gleichen, sorgt der Cadillac Optiq für willkommene Abwechslung. Eine markante Front mit angedeutetem Kühlergrill, die typischen vertikalen Scheinwerfer, eine breite C-Säule und ein kantiges Heck verleihen ihm einen eigenständigen Auftritt. Das schwarz abgesetzte Dach und die sportlichen Felgen runden das Design gelungen ab. Die abgebildete Sport Line setzt auf Hochglanz-Schwarz, während die technisch und preislich identische Luxury Line mit Chromakzenten aufwartet.

Qualität auf höchstem Niveau
Die Grenzen zwischen Premium und Luxus sind fliessend. Cadillac positioniert sich klar im Premiumsegment, verfolgt beim Optiq aber erfreulicherweise einen anderen Ansatz als manche Konkurrenten. Denn obwohl es sich um das elektrische Einstiegsmodell handelt, lässt das Interieur keinerlei Sparmassnahmen erkennen. Sitze und ausgewählte Verkleidungen sind mit echtem Leder bezogen, die Lüftungsdüsen und Lautsprecherabdeckungen des AKG-Soundsystems bestehen aus Aluminium. Grosszügige Stoffflächen an Türen und Armaturenbrett sowie eine Dekoreinlage aus recyceltem Zeitungspapier sorgen für zusätzliche Wohnlichkeit. Letztere sieht aus wie Holz, bei genauem Hinsehen sind sogar einzelne Buchstaben erkennbar. Qualitativ spielt der Optiq damit ganz vorne mit. Das Vorurteil, amerikanische Hersteller könnten keine hochwertigen Innenräume bauen, darf man getrost begraben. Cadillac liefert hier überzeugend ab.
Auch beim Platzangebot und Infotainment gibt sich der Amerikaner keine Blösse. Selbst in der zweiten Reihe sitzt man komfortabel und geniesst hochwertige Materialien. Das riesige Glasdach sorgt für ein lichtdurchflutetes Ambiente. Der Kofferraum bietet ordentlich Stauraum, wobei die abfallende Dachlinie bei sperrigem Transport ihre Grenzen setzt. Doch irgendwo muss man Kompromisse eingehen.Technisch ist der Optiq dank integrierter Google-Dienste ebenfalls auf der Höhe der Zeit. Navigation und Sprachassistent funktionieren so zuverlässig, wie man es vom Smartphone kennt. Die Bedienung gelingt intuitiv, das System reagiert flüssig und lässt sich wahlweise per Touchscreen oder Dreh-Drück-Regler steuern. Vorbildlich gelöst!

Ausgewogenes Fahrgefühl
Fahrerisch trifft der Cadillac Optiq durchaus den europäischen Geschmack. Seine amerikanischen Wurzeln kann er zwar nicht verleugnen, doch beim Fahrkomfort und Geräuschniveau überzeugt er auf ganzer Linie. Die Lenkung vermittelt genügend Rückmeldung von der Vorderachse, während der Sport-Modus das Fahrwerk spürbar strafft. Damit machen auch zügige Kurvenfahrten Spass, ohne dass der Optiq gleich zum Kurvenräuber mutiert. Das ist allerdings auch nicht der Anspruch von Cadillac.
Weniger überzeugend präsentiert sich der Elektroantrieb. Mit 224 kW und 480 Nm ist der Optiq angesichts seines Gewichts von 2376 Kilo eher zurückhaltend motorisiert. Zum selbstbewussten Premiumanspruch passt das nur bedingt, schliesslich soll der Ami souverän und mühelos reisen. Auch die übrigen Daten sorgen kaum für Begeisterung: 75 kWh Akkukapazität, 425 Kilometer WLTP-Reichweite und maximal 110 kW Ladeleistung sind bestenfalls Durchschnitt. Mit einem Testverbrauch von 21,3 kWh/100 km hält sich der Stromhunger immerhin in Grenzen. Realistisch sind rund 365 Kilometer Reichweite, was solide, aber keineswegs herausragend ist.

Preislich attraktiv, aber technische Mängel
Für Kopfschütteln sorgen die Assistenzsysteme: Die Verkehrszeichenerkennung arbeitet unzuverlässig, der Spurhalteassistent reagiert auf Velowegmarkierungen und Aufmerksamkeits- sowie Müdigkeitswarner schlagen grundlos Alarm. Auch der Notbremsassistent nervt hauptsächlich mit Fehlalarmen. Der Optiq wird damit zur Nervensäge, solange die fünf Systeme nicht einzeln deaktiviert werden. Nach jedem Motorstart beginnt das Spiel von vorne. Die EU-Vorschriften mögen dafür verantwortlich sein, doch von GM mit 118 Jahren Automobilgeschichte darf man eine sorgfältigere Abstimmung erwarten.
Schade, denn abseits dieser Ärgernisse überzeugt der Cadillac mit komfortablem Fahrwerk, angenehmer Agilität und erstklassiger Innenraumqualität. Auch die übersichtliche Konfiguration nach dem Motto «Farbe wählen, fertig» gefällt. Der Optiq besitzt durchaus Charakter und bleibt preislich erfreulich bodenständig. Für rund 63’000 Franken bietet der Testwagen ein Qualitätsniveau, das längst nicht selbstverständlich ist. Mit besser abgestimmten Assistenzsystemen wäre der Amerikaner eine echte Empfehlung.








