BYD Seal: China kommt, um zu bleiben

BYD ist in der Schweiz definitiv angekommen. Obwohl erst seit rund 18 Monaten vertreten, gehören die Chinesen bereits zum Strassenbild. Der Seal zeigt dabei, dass Elektroauto und ansprechendes Design durchaus zusammenpassen. Mit einem cW-Wert von 0,22 ist die Limousine aerodynamisch extrem effizient, wirkt dank geschwungener Linien aber trotzdem sportlich und elegant statt rund gelutscht. Markante LED-Lichter, bündige Türgriffe, optimierte Felgen und ein auffälliger Heckdiffusor runden den eigenständigen Auftritt ab. Auch innen setzt sich der positive Eindruck fort. Die Ledersitze sind ausgesprochen bequem und verfügen sogar über Heizung und Belüftung. Eine Massagefunktion fehlt, die Sitzposition ist aufgrund der flachen Karosserie und des Akkus im Boden etwas hoch, aber das fällt kaum ins Gewicht. Das Interieur kombiniert geschwungene Formen, Kontrastnähte und Materialien wie Mikrofaser, Kunstleder und Glas. Vor allem die Verarbeitung überzeugt: Der Seal fühlt sich tatsächlich ziemlich premium an und stellt damit so manchen selbsternannten Premium-Konkurrenten in den Schatten.

Hightech als Markenzeichen

Beim Platzangebot gibt sich der Seal ebenfalls keine Blösse. Im Fond herrscht trotz der flachen Dachlinie erstaunlich viel Raum, während Glasdach und flacher Fahrzeugboden für ein luftiges Gefühl sorgen. Der tiefe Limousinen-Kofferraum ist ordentlich, ein Frunk nimmt zusätzlich Kleinkram auf. Man merkt dem Seal an, dass er von Grund auf als Elektroauto entwickelt wurde und entsprechend wenig Kompromisse eingehen musste. Und das Ganze sieht dabei auch noch ziemlich sexy aus.Hightech gehört bei BYD ohnehin zum guten Ton. Das Infotainment reagiert blitzschnell und auch die Sprachsteuerung funktioniert erstaunlich zuverlässig. Für die Navigation kommen HERE-Karten zum Einsatz, wobei Routenführung samt Verkehrsdaten erfreulich präzise sind. Als kleines Gimmick lässt sich der zentrale Touchscreen sogar drehen und wahlweise horizontal oder vertikal betreiben. Spielerei? Definitiv. Aber eine ziemlich coole.

Safety vor Sport

Auch fahrerisch überzeugt der Seal weniger mit spektakulären Einzeldisziplinen als mit einem rundum stimmigen Gesamtpaket. Das Fahrgefühl wirkt ausgesprochen fein abgestimmt: hoher Komfort, oberklassige Ruhe und trotzdem genügend Verbindlichkeit. Im Comfort-Modus bleibt der Seal angenehm straff, ohne unbequem zu werden. Wer allerdings maximalen Komfort sucht, findet durchaus weichere Elektroautos. Dabei könnte der Seal technisch deutlich mehr, als er tatsächlich zeigt. Selbst im Sport-Modus kommt der Schub zunächst leicht verzögert und baut sich dann kräftig, aber erstaunlich gelassen auf. Der typische Elektro-Kick bleibt komplett aus. Auch die grundsätzlich hecklastige Kraftverteilung wird von der Software stark neutralisiert. Das Resultat fühlt sich weniger spektakulär, dafür sehr kontrolliert an.

Das adaptive Fahrwerk wird im Sport-Modus spürbar straffer, hält Wank- und Nickbewegungen gut im Zaum und bietet ordentlich Grip sowie ein gutes Gefühl für die Strasse. Auch die Bremse überzeugt mit kräftigem, präzisem Druckpunkt, trotz aktiver Rekuperation. Wird der Seal allerdings wirklich hart rangenommen, zieht das ESP die Handbremse: Die Eingriffe fallen ziemlich ruppig aus. BYD setzt hier klar auf maximale Sicherheit und nicht darauf, dem Fahrer die letzte Zehntelsekunde Fahrspass zu schenken.

Best in Class?

Der hier gezeigte Testwagen kostet rund 55’000 Franken. Blickt man auf die Preise der Konkurrenz, könnte der Seal problemlos teurer sein und wäre immer noch fair eingepreist. Für rund 55’000 Franken ist er deshalb fast schon ein Kampfangebot. Und nein, der Seal ist beileibe kein Discount-Auto, ganz im Gegenteil. Natürlich gibt es auch Dinge, die fehlen. Matrix-Licht? Nicht an Bord. Parkassistent? Ebenfalls Fehlanzeige. Massagefunktion? Gibt es nicht. Und mit maximal 150 kW DC-Ladeleistung bewegt sich der Seal beim Schnellladen eher im Mittelfeld. Dafür bleibt die Konfiguration angenehm simpel: Ausstattungslinie wählen, Lackfarbe aussuchen, Innenraumfarbe bestimmen und fertig. Andere Felgen? Nicht für Geld oder gute Worte. Chinesische Bestelllogik eben.

Echte Schwachstellen hat der Seal im Test trotzdem kaum offenbart. Natürlich gäbe es das eine oder andere Detail, das man sich noch wünschen könnte, und manche Ausstattung gibt es schlicht nicht. Aber unter dem Strich bleibt dieses Auto ein ausgesprochen starkes Gesamtpaket. BYD ist mittlerweile auch in der Schweiz angekommen und zeigt mit dem Seal eindrucksvoll, wie ausgereift chinesische Elektroautos inzwischen sind und wie attraktiv sie bepreist werden. Für die etablierten Hersteller sollte das durchaus als Warnsignal verstanden werden. Der Seal fährt nämlich nicht einfach nur mit, sondern hängt die Messlatte teilweise selbst ziemlich hoch.