Cadillac ist in Europa ein spezieller Fall. Der Name ist dank Hollywood und dem unsterblichen Ruf der grossen Luxus-Cruiser von einst zwar allen ein Begriff, im Alltag spielt die Marke hierzulande aber kaum eine Rolle. Entweder hat man Cadillac schlicht nicht auf dem Schirm oder es haften alte Vorurteile am Namen. Nun wagt GM mit der Elektromobilität einen Neuanfang. Den Anfang macht hierzulande der Lyriq.
An auffälligem Design hat es Cadillac noch nie gemangelt, und der Lyriq macht da keine Ausnahme. Typisch Cadillac sind die schlanken, vertikalen Scheinwerfer samt ebenfalls vertikalem Tagfahrlicht. Dazu kommt ein schwarzer, optischer «Kühlergrill», der für ordentlich Präsenz und einen hohen Wiedererkennungswert sorgt. Die Front wirkt sportlich und gefällig. Hinten wird es eigenwilliger: markante C-Säule, sehr flache Heckscheibe und eine ziemlich kuriose Lichtsignatur. Die oberen Leuchten beherbergen lediglich die Blinker, dafür einen der grössten, die es geben dürfte. Die eigentlichen Rücklichter sitzen dezent am unteren Ende der Stossstange, natürlich ebenfalls vertikal. Speziell und fancy, aber definitiv ein Hingucker.
Amerikanisches Ambiente mit stilvoller Digitalisierung
Im Innenraum spielt der Lyriq seine amerikanische Herkunft voll aus: viel Platz, viel Leder und ein angenehm üppiges Ambiente. Die weichen, grosszügigen Nappaledersitze sind zwar eher auf Komfort als auf Seitenhalt ausgelegt, dafür blickt man auf eine gestochen scharfe, geschwungene Displaylandschaft. Auch wenn nicht jedes vermeintliche Alu- oder Holzelement tatsächlich aus dem jeweiligen Material besteht, wirkt die Verarbeitung hochwertig. Kleine Drehregler an den Lüftungsdüsen und der klassische Gangwahlschalter setzen zudem charmante Retro-Akzente. Beim Platzangebot gibt sich der Lyriq ebenfalls keine Blösse. Das Raumgefühl ist luftig, auf allen Plätzen herrscht reichlich Bewegungsfreiheit und USB-Anschlüsse sowie Ablagen gibt es zuhauf. Der Kofferraum ist zwar kein Raumwunder, reicht im Alltag aber problemlos aus. Der eigentliche Übeltäter ist die coupéhafte Dachlinie, die etwas Stauraum kostet.
Auch digital zeigt Cadillac, dass man nicht im letzten Jahrzehnt hängen geblieben ist. Das hauseigene Infotainment nutzt Google Maps und den Google Assistant, reagiert flott und ist übersichtlich aufgebaut. Besonders erfreulich: Die Klimaanlage wird über eine richtige, vollständige Bedienleiste gesteuert. Sieht gut aus und ist in der Praxis ohnehin angenehmer als jedes Touchscreen-Menü. Genau so! Doch bei der Bedienung leistet sich Cadillac allerdings zwei unnötige Schnitzer. Der Dreh-Drücksteller für das Infotainment wäre grundsätzlich eine gute Idee, fühlt sich aber dermassen billig an, dass selbst Dacia vermutlich die Qualitätskontrolle anrufen würde. Und für die Wahl des Fahrmodus gibt es keinen physischen Schalter. Stattdessen muss man sich dafür durch den Touchscreen hangeln.
Gleiter mit Contenance
Wie fährt sich ein fast 2,7 Tonnen schwerer Cadillac? Ziemlich genau so, wie man es von einem Cadillac erwartet: ruhig, souverän und vor allem butterweich. Der Lyriq liefert den erwarteten feudalen Fahrkomfort, und das sogar ohne Luftfahrwerk. Auch beim Antrieb steht im Tour-Modus nicht die Performance, sondern das entspannte Gleiten im Vordergrund. Trotz der stattlichen Leistungsdaten fühlt sich der Lyriq hier erstaunlich zurückhaltend an. Beim Rekuperieren lässt sich zwischen zwei Stufen wählen, inklusive One-Pedal-Driving. Ist dieses deaktiviert, rollt der Cadillac beim Lupfen des Fahrpedals fast wie ein Verbrenner aus. Clever gelöst ist die zusätzliche Schaltwippe links am Lenkrad: Damit lässt sich jederzeit manuell und spontan die maximale Rekuperation abrufen.
Auffällig ist zudem die Ruhe an Bord. Dank üppiger Dämmung und aktivem Noise-Cancelling herrscht im Innenraum eine derart entspannte Stille, dass der Lyriq akustisch locker in der Oberklasse mitspielen kann. Sehr amerikanisch ist aber auch die Lenkung. Sie arbeitet ausgesprochen indirekt und vermittelt entsprechend wenig Präzision. Im Kreisverkehr muss man ordentlich kurbeln, insbesondere wenn die dritte Ausfahrt auf dem Programm steht. Eine kleine Überraschung wartet bei den Bremsen: Cadillac verbaut eine Brembo-Anlage, die mit dem gemütlichen Charakter des Lyriq eigentlich herzlich wenig gemeinsam hat. Druckpunkt, Feedback, Biss und Standfestigkeit sind erstklassig. Diese Bremsanlage könnte ohne Weiteres in einem Performance-SUV arbeiten.
Tugenden aus der alten Welt
Im Sport-Modus wird der Lyriq deutlich wacher und plötzlich ist auch die Leistung spürbar. Dabei verzichtet Cadillac auf den typischen Elektro-Kick und lässt die Kraft kontinuierlich anwachsen, fast wie bei einem Verbrenner. Man merkt hier durchaus die Herkunft aus der «alten» Autowelt, und das ist keineswegs negativ gemeint. Statt einfach blind loszustürmen, liefert der Cadillac seine Leistung mit einer gewissen Dramaturgie ab. Kraft ist ohnehin mehr als genug vorhanden und die hervorragende Brembo-Anlage hat damit keinerlei Probleme. Fahrwerk und Lenkung bleiben allerdings sehr amerikanisch. Auch beim Verbrauch räumt Cadillac mit einem alten Vorurteil auf. 23,8 kWh/100 km sind zwar kein Effizienzwunder, angesichts von fast 2,7 Tonnen Gewicht und reichlich Leistung aber durchaus respektabel. Mit der grossen Batterie sind damit rund 460 Kilometer Praxisreichweite drin. Beim Laden sind maximal 190 kW möglich, womit sich der Lyriq im soliden Mittelfeld bewegt.
Was bleibt also? Ein ziemlich gelungenes Gesamtpaket. Der Lyriq sieht gut aus, ist beeindruckend leise und bietet genau jenen komfortablen Auftritt, den man von Cadillac erwartet. Gleichzeitig sorgen die eigenständige Kraftentfaltung und der für Cadillac-Verhältnisse vernünftige Verbrauch für positive Überraschungen. Mit rund 97’000 Franken ist der Testwagen allerdings alles andere als ein Schnäppchen. Cadillac war schliesslich noch nie günstig. Betrachtet man aber ausschliesslich das Premium-Segment, ist der Lyriq durchaus eine interessante Alternative.















